Indiens Mobilfunkmarkt boomt, mobiles Internet bleibt aber vorerst Wunschtraum
8. September 2009 – 11:10 UhrDie Inder lieben nichts so sehr wie ihr Handy. Die Zuneigung würde sich noch steigern, wenn sie damit auch unterwegs online sein und ins Internet gehen könnten. Ständig würde die IT-Nation dann auf leuchteten Tastaturen Short Messages, Twitter-Nachrichten und E-Mails tippen, egal, ob im Theater, im Kino, im Büro oder im Fitnessstudio. Ein Wunschtraum, denn die veraltete Infrastruktur spielt nicht mit.
So macht sich die Technik aus dem vorigen Jahrhundert mit geringen Margen in den Bilanzen bemerkbar. Das Netz aus verbindenden Glasfaserleitungen und Türmen ist zunehmend erschöpft, was unter anderem auch dem Umstand geschuldet ist, dass eine restriktive Regulierung und verzögerte Investitionen in Indien an der Tagesordnung waren.
Der „Business Standard“ berichtet jetzt, dass die Betreiber des drittgrößten Funknetzes, Reliance Infratel, deshalb seine Masten in bare Münze verwandeln möchte. Nach dem Wunsch des Managements sollen 10% des Unternehmens an die Börse. Der zweitgrößte Börsengang Indiens in diesem Jahr wäre dies, wenn der erhoffte Erlös von umgerechnet 740 Millionen € tatsächlich zu Stande käme. Die Zeitung berichtet weiter, dass der Vorstand die etwa 50.000 Funkmasten mit insgesamt 7,4 Milliarden € bewertet.
Nishna Biyani, Analyst beim Finanzdienstleister Prabhudas Lilladher, erklärt: „Die Marktbewertung ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Verkauf, wenn die Antennen-Firmen wie jetzt wieder Aktivitäten starten.“ Insider glauben zudem, dass die Muttergesellschaft Reliance Communications (Teil des Firmenimperiums des Geschäftsmannes Anil Ambani) zur vorzeitigen Schuldentilgung den Erlös des Börsengang einsetzen möchte. Abgelöst hatte der Konzern bereits im August drei Jahre vor Fälligkeit Schulden in Höhe von 735 Millionen €. „Dies spart pro Jahr rund 110 Millionen € Zinsen“, so ein Firmensprecher.
Die Netze in dem Gemeinschaftsunternehmen Indus Towers gebündelt haben die Wettbewerber Idea Celular, Vodafone-Essar und Bharti Airtel längst und sich somit von ihrer Infrastruktur getrennt. Durch diesen Schritt werden die Kosten immens nach unten geschraubt. „Erst ab durchschnittlich 1,6 Anbietern pro Funkmast rechnet sich der Netzbetrieb“, so Manoj Tirodkar, Chef der Antennenfirma GTL Infrastructure. Mit dem Wettbewerber Aircel verhandelt deshalb auch Reliance Infratel über eine gemeinsame Nutzung der Reliance-Türme.
Beklagen können sich Indiens Mobilfunkbetreiber seit Jahren über mangelndes Wachstum allerdings nicht, schließlich kamen zuletzt etwa 14,5 Millionen Kunden pro Monat hinzu. Indien ist somit der Telekom-Markt, der sich weltweit am schnellsten ausbreitet. Da 70% der Inder außerhalb von Städten leben und erst 12 Prozent von ihnen ein Mobiltelefon besitzen, sind die Grenzen des Wachstums noch lange nicht erreicht.
Deshalb erwarb der britische Anbieter Vodafone im Jahr 2007 auch für 13,1 Milliarden § gut zwei Drittel des indischen Betreibers Hutchison Essar. Ein heißes Gerücht besagt ferner, dass der US-Konzern AT&T mit dem Gedanken spielt, sich etwa ein Viertel des Staatsbetriebs BSNL sichern zu wollen. Ihr Glück suchen die indischen Anbieter hingegen immer mehr auf dem afrikanischen Kontinent. Während nach Medienberichten beispielsweise Reliance Communications Interesse am Afrika-Geschäft des kuwaitischen Netzbetreibers Zain haben soll, verhandelt derzeit Bharti Airtel exklusiv mit dem südafrikanischen Anbieter MTN.
Grund zur Klage gibt es dennoch, allerdings auf Kundenseite. Schließlich haben diese mit schleichendem Datenverkehr, unterbrochenen Verbindungen und überlasteten Netzen zu kämpfen. Da sich die Netze auf dem technischen Stand der späten 1990er Jahre befinden, muss sich die IT-Nation Indien eingestehen, in der Telekommunikations-Infrastruktur immer noch ein Entwicklungsland zu sein. Somit bleibt das mobile Internet vorerst weiter Wunschdenken.
Quelle: FTD















